Unsere Studienreisen

IFK Studienfahrt am 8/9. September 2017:  Ein Reisebericht von Dagmar Reese

16 Teilnehmer/innen hatten sich angemeldet für unsere Studienfahrt. Sie führte nach Polen, in das ehemalige Konzentrationslager Groß-Rosen in Rogoźnica sowie nach Krzyżowa/Kreisau, den Ort des ehemaligen Gutes der Familie von Moltke, das heute Sitz der „Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung“ ist.

Nach einer mehrstündigen Fahrt kamen wir am frühen Nachmittag an unserem ersten Ort, Groß-Rosen, an, ein weitgehend unbekanntes Lager, errichtet als Nebenlager des KZ Sachsenhausen im damals deutschen, heute polnischen Niederschlesien.

Relief in der Eingangshalle der Gedenkstätte Groß-Rosen

Hier wartete ein deutschsprachiger Mitarbeiter der Gedenkstätte, der unsere Gruppe in den kommenden zwei Stunden herumführte. Unsere Führung begann mit einem Überblick über den Aufbau des Lagers anhand eines Modells.

Modell des ehemaligen KZ Groß-Rosen

Das Lager umfasste eine Fläche von 28 ha. Rechnet man den nahe gelegenen Steinbruch dazu, die Arbeitsstätte der meisten Häftlinge, waren es 44 ha Land. Das Lager war unterteilt in drei voneinander getrennte Bereiche: der erste, an der Straße gelegene, war der SS vorbehalten. Hier standen die Verwaltungsgebäude, Unterkünfte des Personals, ein Kasino. Auch ein Schwimmbad war angelegt. Von den meisten dieser Gebäude sind nur noch Reste erhalten. Die Grenze zum Konzentrationslager war durch einen doppelten Stacheldrahtzaun gesichert. Der Zugang zum Lager ging durch ein massives Tor, das in der Form und mit seiner Inschrift (Arbeit macht frei) an Auschwitz erinnert und auch heute das Bild des Ortes prägt. Von den hinter dem Zaun gelegenen Häftlingsbaracken sind heute nur noch die Fundamente sichtbar, die in den letzten Jahren noch einmal neu mit Granitsteinen gefasst wurden und eine Oberfläche aus losem Gestein bekommen haben. Hinter diesem Lager schließt sich, wiederum durch eine Absperrung gesichert, ein dritter Bereich an, das sogenannte Auschwitz-Lager. Es wurde 1944 errichtet als Aufnahmelager für Häftlinge, die aus den weiter östlich gelegenen Lagern und Gefängnissen nach Groß-Rosen kamen. Der Aufbau dieses Lagers blieb unvollständig. Selbst den genutzten Baracken fehlten oft Fenster und sogar Türen, was die ohnehin hohe Sterblichkeit in diesem Teil des Lagers weiter ansteigen ließ. Die Grundformen der Baracken sind heute noch gut zu erkennen, weil die Gedenkstätte sich bemüht, das Gelände von Gras und Unkraut frei zu halten. Für Besucher ist dieser Teil des Lagers geschlossen. Besichtigen kann man das Stammlager sowie außerhalb des Stammlagers das Museum. Es wurde auf den Fundamenten des ehemaligen SS-Kasinos errichtet.

Die selbstständige Besichtigung des Museums und dessen Ausstellung war unsere nächste Station, bevor wir in das Stammlager und von dort zum Steinbruch gingen, eine gigantische Anlage, in deren älteren, tieferen Teil sich mittlerweile ein See gebildet hat, während der jüngere Teil, in dem bis Anfang der 1990er Jahre hinein gearbeitet wurde, trocken geblieben ist.

Steinbruch im ehemaligen KZ Groß-Rosen

Anschließend an den Steinbruch besichtigten wir eine Wohnbaracke mit Speise- und Schlafsaal sowie die Weberei und Flechterei, eine Werkstätte, in der geschwächte Häftlinge eingesetzt waren und in der heute eine Ausstellung eines Teils der rund 600 auf dem Gelände des Lagers gefundenen Fundstücke gezeigt wird. Von besonderem Interesse für uns waren die beiden Siemensbaracken, die allerdings nur noch in ihren Fundamenten existieren.

Fundstücke im ehemaligen KZ Groß-Rosen

Groß-Rosen entstand 1940 als Arbeitslager und wurde 1941 Konzentrationslager. Es hatte 99 Außenlager. Die Häftlinge waren ausschließlich männlich. Erst in den späteren Jahren kamen Frauen dazu. Insgesamt 120.000 Häftlinge gingen durch Groß-Rosen und seine Außenlager. Von diesen starben 40.000 Menschen. Die Todesursachen waren Entkräftung und Krankheiten aufgrund der Arbeit und der Haftbedingungen. Menschen starben aber auch durch Hinrichtung, Erhängen oder Ermordung durch Giftspritzen. Das Lager wurde im Februar 1945 geräumt. Als die sowjetischen Soldaten am 13. Februar 1945 einmarschierten, war es leer. Einen Befreiungstag ähnlich wie in Ravensbrück gibt es darum in Groß-Rosen nicht, doch wird jeweils am ersten Sonntag im September der Befreiung des Lagers gedacht.

Im Anschluss an unsere Besichtigung wurden wir eingeladen zu einer Erfrischung und einem Gespräch mit dem stellvertretenden Direktor der Gedenkstätte, Andrzej Gwiazda, unserem Guide sowie der Leiterin der Abteilung Pädagogische Arbeit. Es wurden uns drei kurze Videos gezeigt über die Gedenkstätte, die 2016 50.000 Besucher zählte, die aus mehr als 50 Ländern kamen, Art und Ergebnis der Restaurierungsarbeiten sowie ein ambitioniertes künstlerisches Projekt, das am Steinbruch entstehen soll. Interessant für uns war die Diskussion. Sie vermittelte einen guten Eindruck von den Schwierigkeiten, vor die man vor Ort gestellt ist. Das Gelände des Lagers war nach 1945 von sowjetischem Militär besetzt, wurde 1947 aber geräumt. In der Not der Nachkriegszeit wurden aus den verlassenen Gebäuden alle brauchbaren Gegenstände und Materialien entfernt. Erst 1963 gelang es, das Gelände in die Liste der geschützten Denkmäler aufzunehmen. Immer noch wurde im Steinbruch Granit gebrochen, wie auch heute noch in den sieben Steinbrüchen in der Umgebung. 1992 wurde das Gelände des Steinbruchs durch eine Stiftung erworben und stillgelegt. Das lange verwaiste und entsprechend beschädigte Lager sowie der Verlust von Dokumenten, die bei der Evakuierung ausgelagert wurden, erschweren die historische Arbeit der Gedenkstätte. Diese versucht durch eine breit gestreute Recherche in vielen Archiven weltweit sowie durch eine enge nationale wie internationale Zusammenarbeit mit Gedenkstätten und Organistionen ehemaliger Häftlinge diesen Verlust auszugleichen. Nur selten gibt es unerwartete Funde wie den der Totenliste in einem für den Abbruch bestimmten Gebäude im nahe gelegenen Schweidnitz/Świdnica.

Wir bedanken uns bei den MitarbeiterInnen der Gedenkstätte Groß-Rosen

Nach dem Besuch in Groß-Rosen fuhren wir in das ca. 35 km entfernte Krzyżowa/Kreisau, ein kleines Dorf mit dem Gut, das einmal der Familie von Moltke gehört hatte. Das Gut ist quadratisch um einen großen Platz herum angelegt. Alle umgebenden Gebäude – das ehemalige Herrenhaus, Stallungen für Kühe und Pferde, Scheune, Speicher, Verwaltungsgebäude – wurden in den letzten Jahren restauriert und umfunktioniert und dienen heute der Stiftung Kreisau. Den Leiter der Gedenkstätte, Dominik Kretschmann, hatten wir bereits in Groß-Rosen kennengelernt, wo er ganz wesentlich als kompetenter Ortskenner und Übersetzer zum Gelingen unserer Diskussion beigetragen hatte. Er führte uns am folgenden Tag über das Gelände des ehemaligen Gutes.

Krzyżowa/ Kreisau

Wir lernten zunächst die Geschichte des Gutes kennen, das 1867 von Helmuth Karl Bernhard von Moltke erworben wurde. Der Generalfeldmarschall, der durch die deutschen Einigungskriege in Preußen berühmt wurde, hatte nach dem Sieg über Österreich, zu dem er wesentlich beigetragen hatte, eine Dotation erhalten, die ihm den Erwerb dieses Gutes ermöglichte. Das Gut verfügte über 500 ha Land und beschäftigte z. Z. von Freya und Helmuth James von Moltke ca. 60 Leute. Als Helmut Karl Bernard von Moltke 1891 starb, ging das Gut an seinen Neffen, den Großvater von Helmuth James von Moltke. Wir besichtigten als Erstes das Schloss, wie das Herrenhaus genannt wurde. Nur das ehemalige Esszimmer mit großem Kachelofen und Stuck an der Decke ist erhalten geblieben. Die übrigen Räume wurden modernisiert und stehen heute der Dauerausstellung „In Wahrheit leben. Aus der Geschichte von Widerstand und Opposition im 20. Jahrhundert“ sowie als Tagungsräume zur Verfügung. Bemerkenswert im Herrenhaus sind zwei riesige Fresken rechts und links der großen Freitreppe. An den historischen Szenen, die sie zeigen: der „Schande“, der Einnahme Lübecks durch die Franzosen im November 1800 und der „Vergeltung“, der deutschen Militärparade auf den Champs Élysées in Paris nach der Niederlage der Franzosen im deutsch-französischen Krieg 1871, ist das nationale Selbstverständnis Helmut Karl Bernhard von Moltkes ablesbar, das er seinem Leben und Wirken nach außen hin unterlegen wollte.

Aufgang zum Schloss Krzyżowa/Kreisau

Unsere Führung führte uns weiter durch einen Park hinter dem Schloss zum nahe gelegenen Fluss, die Piława/Peile. Hier war die zwiespältige Situation der Familie im Nationalsozialismus gut zu zeigen. Um Überschwemmungen im Herrenhaus zu verhindern, wollte sie den Flusslauf vom Gebäude weg verlegen. Für diese Arbeiten wurden Gefangene und jüdische Zwangsarbeiter der Organisation Schmelt eingesetzt. Sie waren nur einen Fußweg entfernt in einem Lager untergebracht. Drei weitere Lager befanden sich in der unmittelbaren Umgebung. Das Schicksal der polnischen und jüdischen Bevölkerung unter der Naziherrschaft blieb der Familie von Moltke nicht verborgen. Auch wurde in Kreisau zwar nicht geflaggt, doch der Gutsinspektor war Mitglied der Partei und hisste selbstverständlich die Flagge.

Der Fußweg durch eine Allee zum Berghaus

Der Weg über die Piława/Peile führte zum Berghaus, in dem die Familie von Freya und Helmuth James Moltke lebte. Hier fanden die insgesamt drei Treffen des Kreisauer Kreises statt, zu denen sich maximal 12 Personen trafen. Nach dem Wunsch von Freya von Moltke sollte dieses Haus nach Gründung der Stiftung kein reiner Ausstellungs- oder Tagungsort werden. Deshalb gibt es hier nur einen Gedenkraum. Das übrige Haus ist bewohnt. Der Gedenkraum im Erdgeschoss war das ehemalige Esszimmer. Von dem ursprünglichen Raum ist nichts mehr erhalten. Nur der Zuschnitt ist geblieben. Auf dem Fußboden markiert ist ein großer Kreis, in einer Schrankvitrine stehen die Bildporträts der ehemaligen Kreisauer, ungefähr 25 Menschen, darunter vier Frauen. Im Januar 1944 wurde Moltke von der Gestapo verhaftet, da er einen Freund vor dessen bevorstehender Verhaftung gewarnt hatte. Die Festnahme hatte also keinen Bezug zur Arbeit im Kreisauer Kreis. Trotzdem löste sich dieser de facto auf, nachdem die Führungsperson ausgefallen war. Einige Kreisauer schlossen sich der Gruppe von Stauffenberg an, zu dem bereits vorher Kontakte bestanden hatte. Insgesamt 8 Mitglieder des Kreisauer Kreises wurden nach Verrat an die Gestapo zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Zum Gedenkraum des Berghauses gehört auch ein runder Tisch. Er setzt sich aus vier Teilen zusammen, die jeweils an einer der vier Ecken des Zimmers gestellt sind. Setzt man sie zum Tisch zusammen und gruppiert sie bündig mit dem Kreis, klaffen zwischen den einzelnen Teilen Spalte. Sie symbolisieren, dass die, die sich hier trafen, unterschiedlichen Kreisen und Schichten angehörten, die sich hier in der Ablehnung des Nationalsozialismus zusammenfanden. Der Kreisauer Kreis machte keine Umsturzpläne für die Diktatur. Sein Ziel war die Verständigung über die Grundlagen der Gesellschaft nach einem Sturz Hitlers. Darum sprach man u.a. über Erziehungsfragen, über das Verhältnis von Kirche und Staat, die künftige Ordnung Europas und die internationale Zusammenarbeit. Für manche der Polen war und ist es auch heute noch schwer, dies zum Widerstand zu rechnen.

Berghaus Veranda sowie Gedenkraum mit Dominik

Unsere Führung endete mit dem Besuch der Freilichtausstellung „Mut und Versöhnung“, die aus Anlass des 25. Jahrestages der Versöhnungsmesse am 12. November 1989 in Kreisau entstand. Sie wurde gemeinsam vom „Museum der Geschichte Polens“ und der „Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung“ erarbeitet und 2014 eröffnet. Die Ausstellung widmet sich der schwierigen Geschichte der Annäherung von Polen und Deutschen nach 1945, die schließlich zur Gründung der Stiftung Kreisau führten: einem Ort, in dem junge Menschen das Gespräch miteinander suchen, die sich der Vergangenheit bewusst und an einer friedlichen und freundschaftlichen Beziehung zwischen den Menschen in diesen beiden Ländern interessiert sind.

Arena der Ausstellung „Mut und Versöhnung“