Unsere Studienfahrten

Programm unserer Studienfahrt 2019

 26.7.2019:

  • Ankunft Dachau gegen 14 Uhr (Mittagessen vorher im Zug)
  • 14 Uhr: Führung zum Thema der SS-Versuchsgüter durch Sibylle Reinicke (Begleitung auch durch Meggi Pieschel) bis ca. 16 Uhr
  • Anschließend Zeit für individuellen Rundgang auf dem Gedenkstättengelände
  • Check-in im Hotel DAH Inn, Karlsberg 18, D-85221 Dachau
  • 19:30 Uhr: Gemeinsames Abendessen im Biergarten des Gasthauses Drei Rosen

27.7.2019

  •  7:30 Uhr bis 9:00 Uhr: Frühstück im Hotel DAH Inn
  • 9 Uhr: Abreise aus Dachau, nach München Hbf
  • 10 Uhr: Spaziergang zum NS-Dokumentationszentrum in München auf historischen Spuren
  • 11 Uhr bis 13 Uhr: Geführter Rundgang im NS-Dokumentationszentrum München
  • Anschließend Zeit zur freien Verfügung

 

Unsere Studienfahrt 2018

Gruppenbild an der Wewelsburg (Foto: o.A. 2018)

Studienfahrt des IFK zum Gelände des ehemaligen „Lagers Staumühle“, der heutigen Justizvollzugsanstalt Hövelhof, zur Dokumentationsstätte Stalag 326 (VI K) Senne (Schloß Holte-Stukenbrock, NRW), zur Wewelsburg sowie zur ehemaligen Synagoge und zum jüdischen Friedhof Oerlinghausen am 27./28. Juli 2018

Ehemaliges „Lager Staumühle“ (Katja S. Baumgärtner)

Der wechselvollen Geschichte des historischen Ortes „Lager Staumühle“ widmete sich der erste Teil der IFK-Studienfahrt 2018 mit dem Besuch der heutigen Justizvollzugsanstalt Hövelhof, zwischen Bielefeld und Paderborn gelegen. Frau Labudda und Herr Dewenter, Bedienstete der JVA, leiteten uns engagiert durch die Geschichte des Ortes und machten anschaulich, wie die deutsche Geschichte in der unterschiedlichen Nachnutzung zu verschiedenen Zeiten reflektiert, überdeckt und bisweilen auch wieder hervorgebracht wird. Der vermutlich aus dem Plattdeutschen stammende Name des Ortes ‚Stugge(r)mühle‘, verweist auf seine erste Nutzung, eine Mühle, die für landwirtschaftliche Zwecke in der Regierungszeit des Paderborner Fürstbischofs Wilhelm Anton von der Asseburg (1763–1782) am Oberlauf des Haustenbaches eingerichtet wurde.

Im Ersten Weltkrieg wurde hier das „Lager Staumühle“ errichtet, ein Lager für Kriegsgefangene, die vor allem aus westeuropäischen Ländern kamen. Schon damals befanden sich auf dem Gelände Truppenübungsplätze und eine militärische Bildungseinrichtung. Nach dem Ersten Weltkrieg bevölkerten als ‚Heimkehrer‘ bezeichnete, vermutlich schwer traumatisierte Kriegsüberlebende, den Ort, bis das Lager 1921 aufgelöst wurde. Einige Jahre später entstand hier ein Kinderdorf, das „Kinderdorf Staumühle“, ein Ferien- und Erholungsort für Kinder und Jugendliche aus dem Ruhrgebiet. Diese zivile Nutzung war allerdings nur von kurzer Dauer. Bereits 1927 wurde mit dem Bau einer Kaserne begonnen und das Gelände zunehmend als militärischer Komplex ausgebaut. Die Mischnutzung bestand Anfang der dreißiger Jahre fort, als der Freiwillige Arbeitsdienst (FAD) der katholischen und evangelischen Kirche sich hier ansiedelte. Ab 1933 vereinnahmte dann die Wehrmacht den gesamten Ort. Es entstanden eine Bezirksführerschule, eine Wehrsportlage sowie Truppenunterkünfte, mit Ausbildungseinheiten in Regimentsstärke. Ab 1941 bis Kriegsende existierte parallel zu dieser militärischen Nutzung ein Kriegsgefangenenlager, das Stalag 326 (VI K), und ein Seuchenlazarett. Zehntausende Menschen kamen hier ums Leben. Auf demselben Gelände wurde zwischen 1945 bis 1948 das „Civil Internment Camp No. 5“ der britischen Streitkräfte eingerichtet. Bis zu 12.000 Mitglieder ehemaliger nationalsozialistischer Organisationen, etwa KZ-Wachmannschaften und andere Verdächtige, darunter auch zahlreiche Frauen, wurden an diesem Ort inhaftiert. Das CIC No. 5 in Staumühle war damit das größte Camp im Nachkriegsdeutschland. Ab 1948 wurde „Staumühle“ dann nach und nach für den offenen Jugendstrafvollzug nach britischen Vorbild umgebaut, als welches der Ort auch noch heute verwandt wird.

Beim Begehen des Areals treffen wir immer wieder auf unterschiedliche Spuren der Vergangenheit. Imposant ein riesiger Findling, in dem auf der einen Seite ein erhobenes Schwert und SS-Runen eingraviert sind; sie überlebten den Versuch, sie auszukratzen und zu zerstören. Auf der Rückseite des Findlings findet sich wiederum eine Vertiefung, die nach 1945 zeitweilig als Vogeltränke diente. Wie ein Monument steht der Findling heute inmitten eines idyllischen Wohngebietes, wo vormals sich das ‚Lager Staumühle‘ befand. Wald, Wildwuchs und Bebauung überdecken nach und nach die Geschichte und nur mit Hilfe der Hinweise von Frau Labudda und Herr Dewenter sind die wenigen Spuren zu entziffern. Unter Bäumen steht das rostige Lagertor des ehemaligen britischen Fraueninternierungslagers; wir treffen auf eine zugebaute Straße, die noch heute offiziell den Namen „Lagerstraße“ trägt; ein Stückchen alter Stacheldraht ist an einem Baum mit in die Höhe gewachsen; im Wald einige Erdhügel, die Umrandungen eine ehemaligen Friedhofes, über den kaum etwas bekannt ist; eine alte Tränke steht inmitten des Waldes, sie diente als öffentlicher Waschzuber, so Frau Labudda. Ein großes Stückchen Freifläche zwischen Bäumen, bezeichnet den Ort einer ehemaligen Baracke – wenn Mensch es weiß. Durch archäologische Grabungen, u.a. mit Jugendlichen der heutigen JVA, wird heute versucht, das verborgene Erbe des Ortes wieder an die Oberfläche zu bringen.

Findling mit Gravur inmitten des heutigen Wohngebiets

Überwuchertes Eisentor zum ehemaligen CIC-Frauen-Internierungslager

Stacheldrahtrest an einem Baum

Die mit einem Zaun verbaute ehemalige Lagerstraße

Öffentlicher Waschzuber (Fotos: © KSB 2018)

Dokumentationsstätte Stalag 326 (VI K) Senne und Ehrenfriedhof für sowjetische Kriegsgefangene (Katja S. Baumgärtner)

Nur wenige Kilometer von „Staumühle“ entfernt, steht die heutige Dokumentationsstätte Stalag 326 (VI K) Senne. Auf dem Areal einer Liegenschaft der Polizei Nordrhein-Westfalens untergebracht, ist die Dokumentationsstätte nur nach vorheriger Anmeldung und mit einer Genehmigung zu betreten. Thomas de Maiziere hatte während seiner Zeit als Bundesminister für Verteidigung verfügt, dass diese gleichsam nichtöffentliche Dokumentationsstätte künftig angemessen ausgebaut und der Öffentlichkeit als Erinnerungsort zugänglich gemacht werden soll. Einstweilen jedoch existiert die Dokumentationsstätte durch das Engagement einiger Weniger, die versuchen, die historischen Sedimente des Ortes sichtbar zu machen. Herr Hecker, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Dokumentationsstätte Stalag 326, geleitete unsere Gruppe kenntnisreich über das Areal.

1941 errichtet die Wehrmacht das Stalag 326 (VI K) Senne für zumeist sowjetische, später auch serbische, polnische, französische, italienische und weitere Kriegsgefangene. Die Gruppe der sowjetischen Kriegsgefangenen bildete dabei die größte Gruppe. Auf dem heutigen Gelände ist ein Arrestgebäude erhalten, das zur Durchsetzung von Disziplinarstrafen diente, sowie ein weiteres Gebäude, das „Entlausungsgebäude“, ehemals Bad und Ort der Desinfektion. Das Stalag 326 (VI K) Senne diente u.a. als Durchgangslager zur Registrierung und Untersuchung der Gefangenen, die von hier aus u.a. zur Zwangsarbeit in die Kohlegruben des Ruhrgebiets geschickt wurden. Vor Ort befanden sich ständig zwischen 2.000 und 20.000 Menschen; aufgrund der entsetzlichen Bedingungen wird heute davon ausgegangen, dass etwa 65.000 Gefangene durch Hunger, Kälte, aufgrund mangelnder hygienischer Bedingungen und durch Misshandlungen den Tod fanden. Unweit des Stalags befindet sich der sowjetische Ehrenfriedhof, der nach der Befreiung durch sowjetische Überlebende initiiert und errichtet wurde. Es findet sich hier eine bisher unbekannte Anzahl an Massengräbern; durch ehrenamtliche Mitarbeiter*innen der Gedenkstätte konnten bislang etwa 10.000 Tote namentlich identifiziert werden. Die genaue Zahl der Toten ist nicht feststellbar.

Von 1946-47 war das Gelände das britische Internierungslager „Eselsheide CIC 7“ für deutsche Kriegsgefangene und Verdächtige. Danach entstand das „Sozialwerk Stukenbrock“, das offiziell von 1948-1970 existierte. Die etwa 140 Baracken und 130 Nissenhütten wurden nach und nach für Vertriebene und Geflüchtete aus- und umgebaut; es entstand eine richtige kleine Stadt mit Kirche, Schule, Poststelle und Behelfskrankenhaus. Das ehemalige Arrestgebäude, eine etwa 30×8 Meter lange Baracke, war zeitweilig Friseursalon und Lebensmitteladen. Später, ab 1966, existierte an diesem Ort die Landespolizeischule „Erich Klausener“ mit einer eigenen Kleidungskammer und eigenem Waffenlager. Seit 1996 befindet sich hier eine kleine Dokumentationsstätte, die für die bildungspolitische Arbeit genutzt wird, aber auch interessierten Besucher*innen offensteht. Zu sehen sind u.a. zahlreiche Exponate, Artefakte, Zeitdokumente und zeitgenössische Fotografien, einige davon in Farbe.

Das so bezeichnete „Entlausungsgebäude“ des ehemaligen Stalag 326 (VI K) Senne

Namen/Inschriften einer Gedenkmauer auf dem Ehrenfriedhof für sowjetische Kriegsgefangene des Stalag 326 (VI K) Senne. (Fotos: © KSB, 2018)

Die Wewelsburg (Peter Plieninger)

Am zweiten Tag unserer Fahrt besuchten wir den Ort Büren mit der Wewelsburg, südwestlich von Paderborn. Sie ist eine eindrucksvolle Dreiecksburg vom Anfang des 17. Jahrhunderts auf einem Hügel über dem Almetal gelegen. In der Burg befindet sich heute das Historische Museum des Hochstifts Paderborn und eine Jugendherberge. Im wieder aufgebauten ehemaligen SS-Wachgegebäude am Burgvorplatz hat die Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg mit ihrer Dauerausstellung „Ideologie und Terror der SS“ Platz gefunden.

Der kleine Ort Wewelsburg wurde von 1933 bis 1945 entscheidend durch die SS bestimmt. Er sollte entsprechend vorliegender Planungen sogar weitgehend verschwinden zugunsten einer Neubebauung gigantischen Ausmaßes. Der „Reichsführer SS“ Heinrich Himmler hatte die Wewelsburg ab 1934 gemietet. Eine zuerst geplante „Reichsführerschule SS“ wurde nie verwirklicht, später sollte die Burg zentrale Versammlungsstätte des SS-Gruppenführerkorps werden. Arbeitskräfte für die umfangreichen Umbaumaßnahmen wurden kurzzeitig durch den Reichsarbeitsdienst, dann ab 1941 durch das nahegelegene KZ Niederhagen/Wewelsburg gestellt.

Modell der Wewelsburg, Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg (Foto: © KSB, 2018)

Der Historiker Norbert Ellermann führte uns sehr kompetent durch die Dauerausstellung, die einen anschaulichen und vielfältigen Einblick in die Organisation der SS, ihre Organisationsstruktur, Ideologie und Propaganda liefert. Immer wieder wird auch der Bezug zum historischen Ort hergestellt. Nach der Mittagspause besichtigten wir den Nordturm der Burg. Dieser war 1815 durch Blitzschlag zerstört worden und sollte ab 1939 zur „neuen Wewelsburg“ ausgebaut werden. Fertiggestellt wurden bis 1943 nur zwei Stockwerke: der „Obergruppenführersaal“ und im Kellergeschoss die unvollendet gebliebene „Gruft“. Die oberen Stockwerke wurden zwischen 1972 und 1975 ergänzt und sind heute Teil der Jugendherberge.

Beim „Obergruppenführersaal“ handelt es sich um einen kreisförmigen Raum, in dem zwölf Säulen eine Kuppel tragen. In der Mitte des hellgrauen Marmorfußbodens befindet sich eine dunkelgrüne Marmorinkrustation (Steinintarsie) in Gestalt eines zwölfspeichigen Sonnenrades. Nicht gesichert sind die ursprüngliche Bezeichnung und ihre Bedeutung. Das Sonnenrad hatte möglicherweise eine symbolhafte Bedeutung für die „germanische Licht- und Sonnenmystik“, die von der SS propagiert wurde. Das Bodenornament im „Obergruppenführersaal“ ist das Vorbild des heute als „Schwarze Sonne“ bekannten Symbols, auch wenn es in Form und Farbe vom Original abweichend gestaltet ist.

Die „Schwarze Sonne“ wird von Teilen der Neonaziszene und rechtsesoterischen Kreisen als Erkennungssymbol verwendet. Auch in Teilen der neuheidnischen Szene findet das Symbol Verwendung. In rechtsgerichteten Teilen von Musik-Subkulturen wie der Neofolk- oder Metall-Szene wird die „Schwarze Sonne ebenfalls häufig verwendet.

Im „Obergruppenführersaal“ ist das Fotografieren in der Regel verboten. Zu groß wird die Gefahr gesehen, dass sich Erinnerungs-Bilder vor allem im Internet verbreiten.
Die AusstellungsmacherInnen verfolgen mit im Obergruppenführersaal verteilten Sitzsäcken und mit dem Bilderzyklus zum Gedenken an die Opfer der SS-Gewalt vor den Nischen der Gruft das Ziel, zu verhindern, dass Neonazis oder rechten Gesinnungen nahe stehende Besucher diese durch die Zwangsarbeit von KZ-Häftlingen erbauten Räume als Wallfahrtsort und ideologischen Bezugspunkt nutzen.

Dies gelingt nach unseren kurzen Erfahrungen als Besucher aber nur zum Teil. Begegnet sind wir auch einem offensichtlich „völkischem“ Publikum. Herr Ellermann wurde bei der Erklärung des Sonnenrades und seines möglichen Ursprungs von einem anwesenden Besucher in eine Diskussion über die Bedeutung von Runen verwickelt. Offen getragene rechtsradikale Symbole auf Kleidungsstücken oder Tattoos sind den Ausstellungsbesuchern zwar nicht erlaubt, werden bei der Eingangskontrolle aber offensichtlich nicht immer erkannt. Bei unserem kurzen Aufenthalt konnten wir einige entdecken. Inwieweit sie in der Verbotsliste des Museums aufgeführt sind, konnten wir nicht nachprüfen.

Dieses Aufeinandertreffen von Gedenken an die Opfer der braunen Barbarei und die Anwesenheit von Menschen aus der rechtsextremen Szene werden für mich wohl die stärksten Eindrücke an die Wewelsburg bleiben.

Der Historiker Norbert Ellermann (ganz links) während unserer Führung durch die Dauerausstellung in der Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg

Eindrückliche Rauminstallation im „Obergruppenführersaal“ (Fotos: © Peter Plieninger, 2018)

Letzte Station vor der Rückfahrt nach Oerlinghausen und Bielefeld war das nahegelegene ehemalige KZ Niederhagen/Wewelsburg. Es war 1941 bis 1943 mit “nur“ 3900 Häftlingen das kleinste selbstständige KZ des Deutschen Reiches. Die Häftlinge wurden ausschließlich zum Um- und Ausbau des Schlosses und des Dorfes Wewelsburg eingesetzt. Namentlich nachgewiesen sind 1285 Häftlinge, die durch die Anweisung Himmlers zur „Vernichtung durch Arbeit“ ums Leben kamen. Das sind zusammen mit den unbekannten Opfern mehr als ein Drittel der Lagerinsassen.

Bis auf eine Baracke und die Grundmauern der ehemaligen Lager-Küche ist von der Originalsubstanz des KZ wenig erhalten. Mit Ausnahme des ehemaligen Appellplatzes befindet sich dort heute Gewerbe- und Wohnbebauung. Das typische Torhaus mit seiner großen Einfahrt wurde vollkommen überbaut und ist heute ein unscheinbares Wohnhaus mit Wintergarten.

Auf dem ehemaligen Appellplatz wurde im Jahr 2000 ein dreieckiges Mahnmal in Form eines Winkels eingeweiht. Ein umlaufendes Schriftband erinnert in mehreren Sprachen an die Opfer der Gewaltherrschaft in Wewelsburg.

Gedenkzeichen ehemaliges KZ Niederhagen/Wewelsburg (Foto: © KSB, 2018)

Ehemalige Synagoge und Jüdischer Friedhof Oerlinghausen (Peter Plieninger)

Auf der Rückfahrt nach Bielefeld hatten wir noch einmal die Gelegenheit im Bienek´schen Haus in Oerlinghausen „aufzutanken“ und uns zu erfrischen. Vor der Rückfahrt nach Bielefeld und Berlin, ergab sich die Gelegenheit, die ehemalige Synagoge mit dem nahegelegenen Friedhof zu besuchen. Sie wird vom Kunstverein des Ortes für Ausstellungen genutzt.

Erbaut wurde das Synagogengebäude, so wie es auch heute noch zu sehen ist, Ende des neunzehnten Jahrhunderts, im Jahr 1893. Seit Mitte der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts verringerte sich die Zahl der Gläubigen in der jüdischen Gemeinde. Gottesdienste fanden deshalb nicht mehr statt, wohl aber führten noch Beerdigungen von der Synagoge zum höher gelegenen jüdischen Friedhof. Die Zeit des Nationalsozialismus mit „Juden-Boykott“ und den Folgen der „Nürnberger Gesetze“ verschonten auch die jüdischen Bürger Oerlinghausens nicht. 1938 musste die Lippische Synagogengemeinde das Bethaus zum Kauf anbieten. Der staatenlose Johann Sikka erwarb es am 15. Juli 1938 für 1300 Reichsmark. Die noch vorhandene Inneneinrichtung wurde vernichtet und als Brennholz verfeuert. Wertvolles liturgisches Inventar war vorher ausgelagert worden. Während der sogenannten „Reichskristallnacht“ blieb die Synagoge verschont. Lediglich der kleine Turm mit dem Davidsstern musste entfernt werden. Die letzten jüdischen Familien wanderten aus, aber nicht allen gelang die Emigration nach Südamerika. Einige wurden verschleppt und in den Lagern oder auf der Flucht ermordet.

Nach dem Tod des erbenlosen Besitzers, der eine Fahrradwerkstatt in der Synagoge eingerichtet hatte und dort auch wohnte, wurde das Land NRW Eigentümer. Da es in Oerlinghausen keine jüdischen Mitbürger mehr gab und auch die Kultusgemeinden in Bielefeld, bzw. Dortmund keinen Anspruch erhoben, erwarb die Stadt Oerlinghausen das Gebäude, wobei der Kunstverein die Hälfte des Kaufpreises beisteuerte und alleiniger Nutzer blieb.

Der 673 qm große Friedhof, von einer alten Steinmauer umfriedet, befindet sich nur ca. 500 Meter oberhalb der ehemaligen Synagoge. Im Gegensatz zu vielen anderen jüdischen Friedhöfen ländlicher Gemeinden, die oft weit außerhalb der Ortschaften angelegt wurden, bildet der Oerlinghauser Friedhof eine Ausnahme, da er wahrscheinlich innerhalb der Stadtgrenzen angelegt wurde. Man betritt den Friedhof durch das neue Eingangstor von der Straße „Auf dem Berge“. Vermutlich wurde der Friedhof viel früher als 1761, dem Datum seines ältesten erhaltenen Steins, angelegt.

Ehemalige Synagoge und Grabstein auf dem jüdischen Friedhof Oerlinghausen (Fotos: © Peter Plieninger, 2018)

Dank

Unseren IFK-Mitgliedern Renate und Reinhard Bienek sind wir zu großem Dank verpflichtet. Sie haben nicht nur die ganze Organisation vor Ort übernommen, sondern uns sowohl am Anfang wie am Ende unserer sommerlich heißen Fahrt köstlich verpflegt und uns die Gelegenheit zur Erholung gegeben. Erwähnen möchte ich auch die Familien Kleines und Kleinemenke, die uns wie Reinhard Bienek zwei Tage mit ihren Autos zu den verschiedenen Besichtigungsorten gefahren und uns den Besuch der Synagoge ermöglicht haben. So haben wir auf die Anmietung eines Busses verzichten können.

Danke im Namen der ganzen Gruppe

Peter Plieninger

 

Unsere Studienfahrt am 8/9. September 2017

Ein Reisebericht von Dagmar Reese

16 Teilnehmer/innen hatten sich angemeldet für unsere Studienfahrt. Sie führte nach Polen, in das ehemalige Konzentrationslager Groß-Rosen in Rogoźnica sowie nach Krzyżowa/Kreisau, den Ort des ehemaligen Gutes der Familie von Moltke, das heute Sitz der „Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung“ ist.

Nach einer mehrstündigen Fahrt kamen wir am frühen Nachmittag an unserem ersten Ort, Groß-Rosen, an, ein weitgehend unbekanntes Lager, errichtet als Nebenlager des KZ Sachsenhausen im damals deutschen, heute polnischen Niederschlesien.

Relief in der Eingangshalle der Gedenkstätte Groß-Rosen

Hier wartete ein deutschsprachiger Mitarbeiter der Gedenkstätte, der unsere Gruppe in den kommenden zwei Stunden herumführte. Unsere Führung begann mit einem Überblick über den Aufbau des Lagers anhand eines Modells.

Modell des ehemaligen KZ Groß-Rosen

Das Lager umfasste eine Fläche von 28 ha. Rechnet man den nahe gelegenen Steinbruch dazu, die Arbeitsstätte der meisten Häftlinge, waren es 44 ha Land. Das Lager war unterteilt in drei voneinander getrennte Bereiche: der erste, an der Straße gelegene, war der SS vorbehalten. Hier standen die Verwaltungsgebäude, Unterkünfte des Personals, ein Kasino. Auch ein Schwimmbad war angelegt. Von den meisten dieser Gebäude sind nur noch Reste erhalten. Die Grenze zum Konzentrationslager war durch einen doppelten Stacheldrahtzaun gesichert. Der Zugang zum Lager ging durch ein massives Tor, das in der Form und mit seiner Inschrift (Arbeit macht frei) an Auschwitz erinnert und auch heute das Bild des Ortes prägt. Von den hinter dem Zaun gelegenen Häftlingsbaracken sind heute nur noch die Fundamente sichtbar, die in den letzten Jahren noch einmal neu mit Granitsteinen gefasst wurden und eine Oberfläche aus losem Gestein bekommen haben. Hinter diesem Lager schließt sich, wiederum durch eine Absperrung gesichert, ein dritter Bereich an, das sogenannte Auschwitz-Lager. Es wurde 1944 errichtet als Aufnahmelager für Häftlinge, die aus den weiter östlich gelegenen Lagern und Gefängnissen nach Groß-Rosen kamen. Der Aufbau dieses Lagers blieb unvollständig. Selbst den genutzten Baracken fehlten oft Fenster und sogar Türen, was die ohnehin hohe Sterblichkeit in diesem Teil des Lagers weiter ansteigen ließ. Die Grundformen der Baracken sind heute noch gut zu erkennen, weil die Gedenkstätte sich bemüht, das Gelände von Gras und Unkraut frei zu halten. Für Besucher ist dieser Teil des Lagers geschlossen. Besichtigen kann man das Stammlager sowie außerhalb des Stammlagers das Museum. Es wurde auf den Fundamenten des ehemaligen SS-Kasinos errichtet.

Die selbstständige Besichtigung des Museums und dessen Ausstellung war unsere nächste Station, bevor wir in das Stammlager und von dort zum Steinbruch gingen, eine gigantische Anlage, in deren älteren, tieferen Teil sich mittlerweile ein See gebildet hat, während der jüngere Teil, in dem bis Anfang der 1990er Jahre hinein gearbeitet wurde, trocken geblieben ist.

Steinbruch im ehemaligen KZ Groß-Rosen

Anschließend an den Steinbruch besichtigten wir eine Wohnbaracke mit Speise- und Schlafsaal sowie die Weberei und Flechterei, eine Werkstätte, in der geschwächte Häftlinge eingesetzt waren und in der heute eine Ausstellung eines Teils der rund 600 auf dem Gelände des Lagers gefundenen Fundstücke gezeigt wird. Von besonderem Interesse für uns waren die beiden Siemensbaracken, die allerdings nur noch in ihren Fundamenten existieren.

Fundstücke im ehemaligen KZ Groß-Rosen

Groß-Rosen entstand 1940 als Arbeitslager und wurde 1941 Konzentrationslager. Es hatte 99 Außenlager. Die Häftlinge waren ausschließlich männlich. Erst in den späteren Jahren kamen Frauen dazu. Insgesamt 120.000 Häftlinge gingen durch Groß-Rosen und seine Außenlager. Von diesen starben 40.000 Menschen. Die Todesursachen waren Entkräftung und Krankheiten aufgrund der Arbeit und der Haftbedingungen. Menschen starben aber auch durch Hinrichtung, Erhängen oder Ermordung durch Giftspritzen. Das Lager wurde im Februar 1945 geräumt. Als die sowjetischen Soldaten am 13. Februar 1945 einmarschierten, war es leer. Einen Befreiungstag ähnlich wie in Ravensbrück gibt es darum in Groß-Rosen nicht, doch wird jeweils am ersten Sonntag im September der Befreiung des Lagers gedacht.

Im Anschluss an unsere Besichtigung wurden wir eingeladen zu einer Erfrischung und einem Gespräch mit dem stellvertretenden Direktor der Gedenkstätte, Andrzej Gwiazda, unserem Guide sowie der Leiterin der Abteilung Pädagogische Arbeit. Es wurden uns drei kurze Videos gezeigt über die Gedenkstätte, die 2016 50.000 Besucher zählte, die aus mehr als 50 Ländern kamen, Art und Ergebnis der Restaurierungsarbeiten sowie ein ambitioniertes künstlerisches Projekt, das am Steinbruch entstehen soll. Interessant für uns war die Diskussion. Sie vermittelte einen guten Eindruck von den Schwierigkeiten, vor die man vor Ort gestellt ist. Das Gelände des Lagers war nach 1945 von sowjetischem Militär besetzt, wurde 1947 aber geräumt. In der Not der Nachkriegszeit wurden aus den verlassenen Gebäuden alle brauchbaren Gegenstände und Materialien entfernt. Erst 1963 gelang es, das Gelände in die Liste der geschützten Denkmäler aufzunehmen. Immer noch wurde im Steinbruch Granit gebrochen, wie auch heute noch in den sieben Steinbrüchen in der Umgebung. 1992 wurde das Gelände des Steinbruchs durch eine Stiftung erworben und stillgelegt. Das lange verwaiste und entsprechend beschädigte Lager sowie der Verlust von Dokumenten, die bei der Evakuierung ausgelagert wurden, erschweren die historische Arbeit der Gedenkstätte. Diese versucht durch eine breit gestreute Recherche in vielen Archiven weltweit sowie durch eine enge nationale wie internationale Zusammenarbeit mit Gedenkstätten und Organistionen ehemaliger Häftlinge diesen Verlust auszugleichen. Nur selten gibt es unerwartete Funde wie den der Totenliste in einem für den Abbruch bestimmten Gebäude im nahe gelegenen Schweidnitz/Świdnica.

Wir bedanken uns bei den MitarbeiterInnen der Gedenkstätte Groß-Rosen

Nach dem Besuch in Groß-Rosen fuhren wir in das ca. 35 km entfernte Krzyżowa/Kreisau, ein kleines Dorf mit dem Gut, das einmal der Familie von Moltke gehört hatte. Das Gut ist quadratisch um einen großen Platz herum angelegt. Alle umgebenden Gebäude – das ehemalige Herrenhaus, Stallungen für Kühe und Pferde, Scheune, Speicher, Verwaltungsgebäude – wurden in den letzten Jahren restauriert und umfunktioniert und dienen heute der Stiftung Kreisau. Den Leiter der Gedenkstätte, Dominik Kretschmann, hatten wir bereits in Groß-Rosen kennengelernt, wo er ganz wesentlich als kompetenter Ortskenner und Übersetzer zum Gelingen unserer Diskussion beigetragen hatte. Er führte uns am folgenden Tag über das Gelände des ehemaligen Gutes.

Krzyżowa/ Kreisau

Wir lernten zunächst die Geschichte des Gutes kennen, das 1867 von Helmuth Karl Bernhard von Moltke erworben wurde. Der Generalfeldmarschall, der durch die deutschen Einigungskriege in Preußen berühmt wurde, hatte nach dem Sieg über Österreich, zu dem er wesentlich beigetragen hatte, eine Dotation erhalten, die ihm den Erwerb dieses Gutes ermöglichte. Das Gut verfügte über 500 ha Land und beschäftigte z. Z. von Freya und Helmuth James von Moltke ca. 60 Leute. Als Helmut Karl Bernard von Moltke 1891 starb, ging das Gut an seinen Neffen, den Großvater von Helmuth James von Moltke. Wir besichtigten als Erstes das Schloss, wie das Herrenhaus genannt wurde. Nur das ehemalige Esszimmer mit großem Kachelofen und Stuck an der Decke ist erhalten geblieben. Die übrigen Räume wurden modernisiert und stehen heute der Dauerausstellung „In Wahrheit leben. Aus der Geschichte von Widerstand und Opposition im 20. Jahrhundert“ sowie als Tagungsräume zur Verfügung. Bemerkenswert im Herrenhaus sind zwei riesige Fresken rechts und links der großen Freitreppe. An den historischen Szenen, die sie zeigen: der „Schande“, der Einnahme Lübecks durch die Franzosen im November 1800 und der „Vergeltung“, der deutschen Militärparade auf den Champs Élysées in Paris nach der Niederlage der Franzosen im deutsch-französischen Krieg 1871, ist das nationale Selbstverständnis Helmut Karl Bernhard von Moltkes ablesbar, das er seinem Leben und Wirken nach außen hin unterlegen wollte.

Aufgang zum Schloss Krzyżowa/Kreisau

Unsere Führung führte uns weiter durch einen Park hinter dem Schloss zum nahe gelegenen Fluss, die Piława/Peile. Hier war die zwiespältige Situation der Familie im Nationalsozialismus gut zu zeigen. Um Überschwemmungen im Herrenhaus zu verhindern, wollte sie den Flusslauf vom Gebäude weg verlegen. Für diese Arbeiten wurden Gefangene und jüdische Zwangsarbeiter der Organisation Schmelt eingesetzt. Sie waren nur einen Fußweg entfernt in einem Lager untergebracht. Drei weitere Lager befanden sich in der unmittelbaren Umgebung. Das Schicksal der polnischen und jüdischen Bevölkerung unter der Naziherrschaft blieb der Familie von Moltke nicht verborgen. Auch wurde in Kreisau zwar nicht geflaggt, doch der Gutsinspektor war Mitglied der Partei und hisste selbstverständlich die Flagge.

Der Fußweg durch eine Allee zum Berghaus

Der Weg über die Piława/Peile führte zum Berghaus, in dem die Familie von Freya und Helmuth James Moltke lebte. Hier fanden die insgesamt drei Treffen des Kreisauer Kreises statt, zu denen sich maximal 12 Personen trafen. Nach dem Wunsch von Freya von Moltke sollte dieses Haus nach Gründung der Stiftung kein reiner Ausstellungs- oder Tagungsort werden. Deshalb gibt es hier nur einen Gedenkraum. Das übrige Haus ist bewohnt. Der Gedenkraum im Erdgeschoss war das ehemalige Esszimmer. Von dem ursprünglichen Raum ist nichts mehr erhalten. Nur der Zuschnitt ist geblieben. Auf dem Fußboden markiert ist ein großer Kreis, in einer Schrankvitrine stehen die Bildporträts der ehemaligen Kreisauer, ungefähr 25 Menschen, darunter vier Frauen. Im Januar 1944 wurde Moltke von der Gestapo verhaftet, da er einen Freund vor dessen bevorstehender Verhaftung gewarnt hatte. Die Festnahme hatte also keinen Bezug zur Arbeit im Kreisauer Kreis. Trotzdem löste sich dieser de facto auf, nachdem die Führungsperson ausgefallen war. Einige Kreisauer schlossen sich der Gruppe von Stauffenberg an, zu dem bereits vorher Kontakte bestanden hatte. Insgesamt 8 Mitglieder des Kreisauer Kreises wurden nach Verrat an die Gestapo zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Zum Gedenkraum des Berghauses gehört auch ein runder Tisch. Er setzt sich aus vier Teilen zusammen, die jeweils an einer der vier Ecken des Zimmers gestellt sind. Setzt man sie zum Tisch zusammen und gruppiert sie bündig mit dem Kreis, klaffen zwischen den einzelnen Teilen Spalte. Sie symbolisieren, dass die, die sich hier trafen, unterschiedlichen Kreisen und Schichten angehörten, die sich hier in der Ablehnung des Nationalsozialismus zusammenfanden. Der Kreisauer Kreis machte keine Umsturzpläne für die Diktatur. Sein Ziel war die Verständigung über die Grundlagen der Gesellschaft nach einem Sturz Hitlers. Darum sprach man u.a. über Erziehungsfragen, über das Verhältnis von Kirche und Staat, die künftige Ordnung Europas und die internationale Zusammenarbeit. Für manche der Polen war und ist es auch heute noch schwer, dies zum Widerstand zu rechnen.

Berghaus Veranda sowie Gedenkraum mit Dominik

Unsere Führung endete mit dem Besuch der Freilichtausstellung „Mut und Versöhnung“, die aus Anlass des 25. Jahrestages der Versöhnungsmesse am 12. November 1989 in Kreisau entstand. Sie wurde gemeinsam vom „Museum der Geschichte Polens“ und der „Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung“ erarbeitet und 2014 eröffnet. Die Ausstellung widmet sich der schwierigen Geschichte der Annäherung von Polen und Deutschen nach 1945, die schließlich zur Gründung der Stiftung Kreisau führten: einem Ort, in dem junge Menschen das Gespräch miteinander suchen, die sich der Vergangenheit bewusst und an einer friedlichen und freundschaftlichen Beziehung zwischen den Menschen in diesen beiden Ländern interessiert sind.

Arena der Ausstellung „Mut und Versöhnung“